Getankt wird später

Vielleicht lag es daran, dass wir in den vergangenen Tagen immer nur kurze Strecken gefahren sind, kaum mehr als 150 Meilen am Tag. Vielleicht lag es aber auch einfach daran, dass langsam die Luft raus war, müde von der vielen Fahrerei und mit den Gedanken bei den schönsten Erlebnissen unses Roadrips. Eigentlich ist es auch nicht wichtig was genau dazu geführt hat, denn irgendwie kam es wie es kommen musste und an dem einen Tag gegen Ende unseres Roadtrips fuhren wir schließlich los ohne den Wagen vorher noch einmal vollzutanken. Nun gut, dass mag nicht unbedingt ein Problem sein, doch wenn man sich schließlich in Nebraska befindet, die letzte Ortschaft mindestens zwei Stunden zurückliegt und man feststellt auch schon ziemlich lange kein anderes Auto mehr gesehen zu haben, dann, ja dann ist ein wenig Panik wohl erlaubt. 

Kennt ihr diese Fotos auf Instagram, wo Roadtripreisende mit einem Cowboyhut aufm‘ Kopf an ihren Wagen gelehnt stehen, eine große Landkarte in den Händen haltend, auf der Suche nach dem nächsten Abenteuer? Ja? Nun, so eine bin ich nicht. Eine Landkarte wäre in der Tat nicht schlecht gewesen, denn, und ohne jetzt wie eine blutige Anfängerin zu klingen, eine Landkarte hatten wir dieses Mal nicht dabei. Zum Einen lag es daran, dass man sich eigentlich in Staaten wie Wyoming oder South Dakota nicht gerade verfahren konnte, zumindest dann nicht wenn man ein Ziel vor Augen hatte. Zum Anderen könnte es auch an dem fast stetig guten Internetempfang gelegen haben, der einem das Gefühl gab vollends abgesichert zu sein, komme was wolle.

Wenn man alles andere als Fotografieren im Kopf hat uns es am Ende nur ein einziges Bild aus Nebraska gibt …

Wir hatten zwar ein Ziel vor Augen, doch war es relativ schwer dieses Ziel zu verfolgen, wenn die Sichtweite bei unter 50 Metern lag. Regen, Nebel und ein Hauch von Dramatik lag in der Luft. Das wir keinen Empfang mehr hatten, bemerkten wir erst als Spotify uns im Stich ließ und sich eine ungewohnte Stille im Wagen ausbreitete. Da wir uns nicht mehr mit Musik ablenken konnten und die Landschaft bei gegebener Wetterlage auch nicht sehr viel Abwechslung bot, beschäftigten wir uns eben damit die Tanknadel genau zu beobachten. Wir hatten noch Sprit für rund 150 Kilometer. Die Stadt, aus der wir kamen lag fast genauso weit zurück. Wir diskuttierten lange, ob wir noch mal umkehren sollten, doch da auf der gesamten Strecke keine einzige Tankstelle lag, riskierten wir es nicht. Stattdessen fuhren wir weiter ins Ungewisse.

„Falls wir liegen bleiben sollten, wer von uns Beiden geht dann los?“ Der Klassiker. Ich hatte weder Lust alleine los zu ziehen noch alleine beim Auto zu bleiben. Nicht bei diesem Nebel, nicht mitten im Nirgendwo. „Wir sollten einfach hier warten bis jemand vorbei kommt“, schlug ich vor. Immerhin befanden wir uns noch auf einer befestigten Straße. Und während ich das sagte, erblickte ich etwas in naher Ferne. Ein Mast am linken Straßenrand. Wir fuhren rechts ran und ich zog mein Handy aus der Mittelkonsole hervor. Zwar kein voller Ausschlag, aber wir hatten immerhin Edge. Damit konnte ich arbeiten und zumindest unseren Aufenthaltsort bestimmen. Da waren wir also, mitten in Nebraska, inmitten von tausenden Feldern. Die nächste Ortschaft lag rund 50km von uns entfernt, eine andere weitere 50km. Wir mussten es riskieren.

Also fuhren wir weiter. Je näher wir dieser Ortschaft kamen, desto mehr Zweifel kamen auf, dass wir dort die ersehnte Tankstelle vorfinden würden. Uns kamen zwar ein paar Autos entgegen, vielleicht drei Stück innerhalb von 20 Minuten, aber das war es auch schon. Großartig ausgeschildert was dieser Ort ebenfalls nicht und das Ortschild selber, als wir schließlich dran vorbei fuhren, hätte die nächste Windböe mit einer Leichtigkeit umwehen können. Hier waren wir also. Höfe, bei denen die Dächer eingestürzt waren, Häuser mit eingeschlagenen Fenstern und bei der Kirche war die Tür vernagelt. Die Stadt war tot und von einer intakten Tankstelle war weit und breit keine Spur. Also fuhren wir weiter.

„Der nächste Ort ist bestimmt größer“, versuchte ich die Stimmung im Wagen anzuheben. „Woher willst du das wissen?“ „Sah so aus, auf Google Maps.“ Wir beide wussten, dass das nichts zu bedeuten hatte. Wir könnten Glück haben oder auch wieder Pech.

Nebraska hat bestimmt auch seine schönen Seiten. Aber wenn du stundenlang an Feldern vorbei fährst und alles einfach gleich ausschaut, dann kann man einfach nichts Schönes daraus ziehen. Wir fuhren und fuhren. Und dann, endlich, kamen wir an. Der Ort selber war nicht groß. Stattdessen lag er an ein Kreuzung und profitierte wohl am Meisten durch eben diese Lage. Doch immerhin gab es eine Tankstelle. Wir tankten den Wagen voll, setzten unsere Fahrt fort und passierten nur wenige Stunden später die Grenze zu Wyoming.


4 Gedanken zu “Getankt wird später

  1. Was für eine coole Story! Habe das direkt vor mir sehen können. Im nächsten Motel noch ein bemesserter Serienkiller und die Stimmung fällt von trüb auf düster ;-)
    Bin ab sofort Fan.

    LG und entspanntes nahes Wochenende,
    Nicole

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