Vegas, Baby.

Wir hatten zwei große Koffer, drei Kameras – Spiegelreflex, Action-Cam und Camcorder, ein Gimbal, zwei Objektive und ein ganzes Spektrum unterschiedlicher Speicherkarten sowie zahlreiche Vorrichtungen für eine Kameramontierung am, im und beim Auto. Den ganzen Kram hatten wir in den Tagen und Wochen zuvor zusammengerafft, auf einer wilden Höllenfahrt durch jegliche Online-Kaufhäuser dieser Welt. Nicht, dass wir das ganze Zeug für den Trip wirklich brauchten, aber wenn man sich einmal darauf einläßt, eine ernsthafte Amateur-Kameraausrüstung anzulegen, neigt man eben dazu, extrem zu werden.

Barstow hatten wir längst hinter uns gelassen. Man hätte sagen können, wir wären auf direktem Wege nach Vegas gewesen, doch stimmte dies nicht so ganz. Das Hin und Her, ob wir auf der Interstate bleiben sollten oder auf die Route 66 abfahren, hatte nicht nur Nerven, sondern auch gut 64 GB Speichermedium gekostet. Vor allem, weil die Route 66, als wir uns endlich dazu entschlossen unseren Trip auf ihr fortzusetzen, verschwunden war. Wir fanden sie schließlich wieder, natürlich nicht ohne ein paar Verluste. Weitere 64 GB, eine überteuerte Tankladung sowie eine Schlange, die sich uns mitten in der Wüste unserer Mission in den Weg stellen wollte. Wir redeten uns ein, dass es vielleicht nur ein Stock gewesen sei oder dass jemand sie bereits vor uns überfahren hatte. Doch weit und breit gab es weder Baum noch irgendein Zeichen von Zivilisation zu sehen. Und so war unser Gewissen bereits belastet, als wir einige Tage später die Tore der Sündenstadt  erreichten.

Die Tore waren in Wirklichkeit nur ein Tor. Und eigentlich war es kein Tor, sondern eine Brücke. Historic Westside konnte ich gerade noch lesen, bevor die Dunkelheit unser Auto verschlang, während wir unter ihr durchfuhren. Meine Augen mussten sich zunächst an die Dunkelheit gewöhnen. Das geschah ziemlich schnell, nachdem ich erst einmal die Sonnenbrille abgesetzt hatte. Und was ich da sah, jagte mir einen gehörigen Schreck ein. Sie kamen von allen Seiten. Ausdruckslose Gesichter, ihre Hände nach vorne ausgestreckt. Sie wollten uns, keine Frage. Wir gaben Gas, doch die Straße unter der Brücke schien kein Ende zu nehmen. Plötzlich waren sie da, die Cops. Sie überholten uns von rechts, die Menge torkelte zurück. Und schon sahen wir von vorne das ersehnte Tageslicht.

Historic Westside

Wir ließen die Brücke mit einem bedrückenden Gefühl hinter uns und steuerten auf die Las Vegas North Premium Outlets zu. Welch eine Ironie. Man fährt in diese prachtvolle Stadt rein und bekommt als erstes die Schattenseite des Glanzes zu spüren. Warum wir in die Outlets fuhren?  Ich brauchte ne Hose, unbedingt. Nicht von Michael Kors, Prada oder Gucci, sondern schlichtweg von American Eagle. Und das gabs eben da. Aber in den Outlets gab es alles, was das Portemonnaie begehrt. Und kaum etwas, was wir uns leisten konnten. Also gaben wir uns damit zufrieden mir ne Hose bei American Eagle zu besorgen, ein Stück Pizza zu essen und uns auf den alles andere als luxuriösen Toiletten zu erleichtern. In der Masse fielen wir kaum auf, obwohl wir höchst anders waren. Um uns herum wimmelte es nur so von Asiaten, ausgestattet mit Reisegepäck, bereits Dutzenden Schuhkartons von Nike und den starren Blick auf das nächste vermeintliche Luxusschnäppchen. Sogar die Reklame war in einer uns weitgehend unbekannt fernöstlichen Sprache. Niemand nahm von uns Notiz und niemand wollte von uns Notiz nehmen. Die mit dem dicken Geldbeutel, das waren die anderen. Schließlich ließen wir Sodom hinter uns und machten uns auf den Weg nach Gomorra.

Sie nahmen uns das Auto weg, als wir beim Hotel vorfuhren. Schleimig grinsend hoben sie vorher noch unsere abgeranzten Koffer aus dem Auto, bevor einer der Schleimbeutel damit wegfuhr. Dieses Grinsen musste Voraussetzung für einen Job in Vegas sein, denn die Dame an der Rezeption setzte den gleichen Gesichtsausdruck auf als ich ihr meine Kreditkarte über den Tresen schob. Wir fuhren mit dem Fahrstuhl nach oben, suchten unsere Suite. Die Klimaanlage war so leise, dass man sie nur anhand der angenehmen Kühle wahrnahm. Das Zimmer war mit allen Annehmlichkeiten, die man sich erdenken kann, ausgestattet. Der Blick über Las Vegas und die Wüste war fulminant. Und doch, etwas fehlte.

Bevor wir uns zu Fuß auf den Strip wagten, sprang ich schnell noch unter die Dusche und streifte mit das einzige Kleid, was sich in meinem Reisegepäck befand, über. Ich würde es nur hier in Las Vegas anziehen können, sonst nirgends auf unserer Route. Zu unpraktisch, solch ein Kleid. Und trotzdem war ich vollkommen underdressed. Wir mussten durch das Bellagio gehen um auf den Strip zu gelangen. Überall glänzte und glitzerte es. Schallendes Gelächter, knappe Kleider, mindestens 15 cm Absatz. Alkohol und Geld flossen in Strömen. Die Menschen feierten was das Zeug hält. Und mir wurde langsam bewusst, was mir in dieser Stadt fehlte: Freiheit.

 

IMG_7004

Der Las Vegas Strip.

Dass das Auto nicht wie die Tage davor direkt vor der Zimmertür stand, trug zu einem großen Teil zu diesem Gefühl bei. Wir konnten nicht einfach losfahren. Wir konnten nicht einfach mit der rechten Hand die Zimmertür zuziehen und mit der linken die Autotür öffnen. Und auch wenn die Wüste zum greifen nah lag, würde es aufgrund des Verkehrs eine halbe Ewigkeit dauern bis wir endlich da waren. Ich weiß nicht, was wir erwartet hatten. Was ich erwartet hatte. Bei meinem ersten Vegas Besuch sieben Jahre zuvor, bin ich begeistert von der Stadt gewesen. Von den vielen Lichtern, den schicken Hotels und Kasinos. Doch jetzt sah ich, was Vegas wirklich war: Eine Karikatur der amerikanischen Gesellschaft. Und ich hatte keine Lust mehr davon ein Teil zu sein. Stattdessen sehnte ich mich zurück nach den vergangenen Tagen. Wie schön es doch gewesen war, mitten im Nirgendwo.

Am Ende des Tages saßen wir auf dem Bett und blickten uns an. „Ich glaub, ich mags hier nicht“, sagte er. „Abwarten, vielleicht wird es morgen besser.“ Und es wurde besser. Angst und Schrecken hatten wir zwar hinter uns gelassen, doch die Kameras lagen unberührt in den Taschen.


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8 Gedanken zu “Vegas, Baby.

  1. Du machst ja ein paar Anspielungen :-) Das beste Buch über Las Vegas (und den amerikanischen Traum) ist von Hunter S. Thompson und heißt „Fear and Loathing in Las Vegas“ (Angst und Schrecken…) Die Zeichnungen von Ralph Steadman tun ihr Übriges. Sollte Pflichtlektüre für jeden Las Vegas Besucher sein. Aber Du hast es ja schon gelesen :-)
    LG Alex

  2. Erinnert mich stark an unsere Ankunft in New York. Mit dem Greyhound über Nacht von den Amischen direkt ins Zentrum der Metropole. Da wollten wir auch wieder weg. U d dann würde es doch schön

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