Verloren im Yellowstone

Mit einem letzten glanzvollen Strahlen verschwindet die Sonne hinter den Bergen. Ich werfe einen Blick auf die Temperaturanzeige. Es ist knapp ein Grad, eben waren es noch zwei. Jetzt wo die Sonne weg ist, werden die Temperaturen noch schneller sinken. Und zu schneien hat es ebenfalls wieder begonnen. Das ist nicht gut, denke ich mir. Gar nicht gut. Doch trotzdem fahren wir weiter nach Norden. Mit Sommerreifen, der Hoffnung auf ein freies und erschwingliches Motelzimmer und der Angst im Nacken, dass es beginnt zu frieren bevor wir unser Ziel erreicht haben.

Unser Ziel ist Gardiner, ein kleines Örtchen im Norden des Yellowstone Nationalparks. Den ganzen Tag sind wir durch den Yellowstone gefahren. Da alle Hotels und Lodges innerhalb des Parks bereits Wochen im Voraus ausgebucht waren, hatten wir uns dazu entschieden uns in der Nähe des Nordeingangs außerhalb des Parks eine Übernachtungsmöglichkeit zu suchen.

Schnee. Soweit das Auge reicht. Mit unseren Sommerreifen bahnen wir uns den Weg durch den Yellowstone.

Sollte in Gardiner alles belegt sein, wollten wir weiter nördlich bis zur Interstate 90 fahren: Livingston, Bozemann – dort gab es genügend Städte mit Motels. Und Google Maps hatte mir versichert, dass es nur eine knappe Stunde von Gardiner bis zur Interstate dauern würde. Machbar war das also. Jedoch müssten wir erst einmal Gardiner erreichen.

Wir fahren und fahren. Und es schneit. Dicke Flocken, dünne Flocken. Frau Holle legt sich richtig ins Zeug. Nach einer halben Ewigkeit kommen wir endlich zu einer Kreuzung. Und da ist es auch, das Schild. Halb verschneit, total verdreht und so unscheinbar, dass man es bei diesem Wetter auch nicht sehen konnte, wenn man aus südlicher Richtung kam: Der Nordeingang ist closed. Also kehren wir um.

Kaum zu glauben, dass ich vier Tage zuvor in Denver bei 30°C noch Sommerkleidung getragen hatte.

Auf der Straße Richtung Westeingang herrscht nun wieder reger Verkehr. So gut wie alle, die sich noch im Yellowstone befanden, nehmen nun diesen Ausgang. Ich könnte eigentlich froh sein den Ausblick auf Zivilisation direkt vor mir zu haben, doch die Erkenntnis, dass der Nordeingang doch bereits geschlossen ist, bereitet mir ein ungutes Gefühl. All diejenigen, die nach Norden wollten, sind nun gezwungen umzuplanen und den Westausgang zu nehmen. Hoffentlich gibt es in West Yellowstone noch irgendwo ein freies Zimmer.

 

Nach einer gefühlten Ewigkeit kommen wir schließlich in West Yellowstone an. Es ist stockduster, an den Straßenrändern stehen die Autos, komplett zugeschneit. Auf der Straße ist kaum was los. Die ersten zwei Hotels bei denen wir anfragen, sind natürlich ausgebucht. Wir kommen an einigen Motels vorbei. Grelle „Vacancy“-Schilder versuchen uns hineinzulocken und mir fällt ein großer Stein vom Herzen: Irgendwo werden wir hier schon noch unterkommen. Da ich mir dessen sicher bin, meldet sich nun in meinem Kopf ein gewisser Anspruch: Ich will ein Dach über den Kopf haben, aber nun auch nicht gerade im letzten Loch landen. Da wir bei der Dunkelheit kaum etwas erkennen können, halten wir beim nächstgelegenen Hotel an um nach einem Zimmer zu fragen.

Sonnenaufgang in West Yellowstone.

 

Die kleine Hotellobby ist überfüllt von Chinesen. Wild gestikulierend und laut diskutierend reden sie auf das Hotelpersonal ein. Augenscheinlich wollen diese jedoch nicht einchecken, sondern haben viel tiefgreifendere Probleme: Das Wlan funktioniert auf ihren Handys nicht. Und das, obwohl an der Rezeption ein Anleitung auf chinesisch zu finden ist. Als ich an der Reihe bin nach einem Zimmer zu fragen, werde ich unsanft von einer Chinesin beiseite geschubst. Sie hat kein Verständnis dafür, dass ich nachts ein Dach über den Kopf haben will, da das Wlan bei ihr immer noch nicht funktioniert. #luxusproblem Schließlich wird es auch dem Herrn an der Rezeption zu bunt: Er nimmt das Schild und alle Chinesen folgen ihm im Schwarm. Und ich kann endlich nach der Verfügbarkeit und dem Preis der Zimmer fragen. Endlich. Habe ich an diesem Tag auf Anhieb Glück. Es ist noch was frei, der Preis stimmt und nach einem Blick in das Zimmer entschließen wir uns dort zu bleiben. Nachdem wir eingecheckt haben, geht es dann noch einmal zum Abendessen vor die Tür.

I’m walking through a winter wonderland. Es ist so still. Der Schnee liegt auf den Dächern, Autos und auch auf der Straße. Oben rum trage ich meine Jack-Wolfsskin-Allwetter-Lebensretter-Jacke, untenrum Turnschuhe von Nike.

Heimatgefühl: Pizza und Schöfferhofer Weizen .

Ich bin erschöpft, aber glücklich. Angekommen zu sein. Es ist schon spät und einige Restaurants haben bereits zu. Manche öffnen auch erst im Mai wieder, wenn die Sommersaison beginnt. Schließlich machen wir bei einer Pizzeria halt. Sie ist gut besucht, doch trotzdem wurden die meisten Leute bereits bedient. Und so müssen wir auch nicht lange auf unsere Pizzen warten. Die Pizzeria ist auf internationale Gäste eingestellt. So verwundert es mich auch nicht, dass auf der Getränkekarte unter anderem ein Schöfferhofer Weizen Grapefruit zu finden ist. Lecker.

Am nächsten Tag ging es dann weiter durch den Yellowstone Richtung Cody, der Stadt, die von Buffalo Bill gegründet wurde …


Noch mehr?

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11 Gedanken zu “Verloren im Yellowstone

  1. In Yellowstone war ich noch nicht, aber ich kann mich an das etwas ungute Gefühl und die leichte Panik erinnern, wenn man im Auto sitzt und fährt und fährt, aber der Highway wird nicht alle und es keine Zivilsation in Sicht. ;-) Wenigstens standen keine Bison auf der Straße rum! Das sind Abenteuer, die sind in unserem kleinen Deutschland einfach nicht drin …

      • Hallo,
        oh, ich fand die Bisons toll und Elche auch, als ich vor gefühlten 100 Jahren in Yellowstone war. Die haben uns genauso komisch angeguckt wie wir sie. Mein Traum war, die Schwarzbären zu sehen, aber die haben noch geschlafen (Ende April) :-( Im Ort sah ich nachher, schon am Abend, einen Wolf, der über die Straße lief – das fand ich dann doch gruselig. Schlimm fand ich auch ein großes Gebiet, dass sich gerade nach einem furchtbaren Waldbrand zu erholen begann. Alles war schwarz und nur hie und da kleines zaghaftes Grün. Heute sieht man von der Katastrophe bestimmt nichts mehr. Das hoffe ich jedenfalls.
        Liebe Grüße
        Renata

      • Hallo :)
        Die Bisons und Elche haben mir auch sehr gefallen, wobei ich die Elche leider nur immer vom weiten gesehen habe. Mit den Schwarzbären hatte ich Anfang Oktober dann klick. Als ich schon fast die Hoffnung aufgegeben hatte, habe ich dann doch noch ein Muttertier samt Junges gesehen. Über dieses Erlebnis werde ich dann auch wohl noch mal einen Beitrag verfassen.
        Ich weiß nicht, ob es dasselbe Waldbrandgebiet war, welches du gesehen hattest, aber im vergangenen Oktober bin ich auch durch ein ganz großes Gefahrer. Das hat wirklich sehr gruselig gewirkt, vor allem, weil es so riesig war.
        Liebe Grüße
        Anne

  2. Wir kommen auch gerade zurück aus dem Yellowstone und umzu.
    Über Jackson Hole. Bis zuletzt fürchteten wir ein Problem, denn der South Entrance war noch gesperrt. Doch genau an unserem REisetag wurde er geöffnet. Glück gehabt – der Umweg wäre auch über WEst Yellowstone gewesen, um nach Gardiner zu kommen – wir hatten unser Hotel dort aber vorgebucht – sicher ist sicher. Grüsslies – MAren

  3. Meine Güte, wann ward Ihr dort, dass es noch solch ein Wetter war? Das glaube ich, dass soetwas an die Nerven geht. Wir kennen das: wenn man ein Hotel sucht, ist nie eines in Sicht, wenigstens kein bezahlbares. Bin auf die weitere Geschichte gespannt.

    • Wir waren Anfang Oktober letzten Jahres da. Laut unserer Recherchen sollte das eine der schönsten, aber gleichzeitig auch der risikoreichsten Jahreszeiten sein, da man sich einfach nicht sicher sein konnte, ob das Wetter mitspielt und die Straßen noch geöffnet sind. Als wir morgens los sind, schien noch alles in Ordnung – und der Yellowstone begraben unter einer Schneeschicht war auch wunderschön. Nur als dann die Sonne unterging, wurde es gespentstisch. Die Situation, dass wir fahren und fahren und kein Hotel finden, hatten wir schon häufiger, aber dieses Erlebnis würde ich ungern wiederholen. Trotzdem gab es ja glücklicherweise ein Happy End. Viele Grüße :)

      • Okay, ein Abenteuer mehr. Wir drücken aber die Daumen, dass so etwas nicht wieder passiert. Im Norden der USA kommt der Winter manchmal sehr zeitig und bleibt an manchen Orten lange, die Erfahrung haben wir auch gemacht. Auf unserem Weg hoch nach Oregon wurden wir noch Mitte April durch den Schnee gestoppt und wir mussten umkehren, und das schon kurz hinter der kalifornischen Grenze.

  4. Hallo Anne,
    ich weiß es auch nicht mehr so genau, wo es war. Die Reise war für mich wie ein Traum, wie eine parallele Wirklichkeit. Vielleicht sehe ich meine Dias einfach mal durch. ;-) Ha, ha, ja, das war Anfang der 90-er Jahre. Unglaublich!
    Übrigens, ich erinnere mich auch sehr gut an die gute Pizza, die ich dort gegessen habe. Manche Dinge ändern sich wohl wirklich nicht.
    Bin gespannt auf deine Bärchenfamiliengeschichte.
    Liebe Grüße
    Renata

  5. Sehr sehr schön geschriebener Artikel:) Ja die lieben Asiaten:D ich habe auch schon meine Erfahrungen mit denen gemacht auf der Fahrt nach London ^^ im Nachhinein kann ich drüber lachen :D
    LG Kira

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