Das fotografierende Auge

Fotos und Reisen gehören für mich zusammen. Ich mache gerne Fotos, auch um sie den Daheimgebliebenen später zu zeigen. Oft höre ich dann ein „Oh, das sieht da aber toll aus!“ und noch öfters muss ich dann erwidern „Also, ganz eigentlich war es dort gar nicht mal so toll.“

Vor ein paar Tagen habe ich für kofferzuklein einen neuen Instagram Account erstellt und meinen alten auf privat umgestellt – es muss ja nicht die ganze Welt wissen, was ich zum Abendessen hatte. Nicht, dass ich jeden Abend Fotos von meinem Abendessen posten würde. Aber das gute Essen an Weihnachten wollte unbedingt fotografiert werden. Whatever.

Da ich momentan nicht auf großer Reise bin, habe ich Fotos aus den vergangenen Monaten und Jahren hochgeladen.niagara Interessant finde ich es nun zu sehen, welche Bilder am meisten Aufmerksamkeit bekommen. Das Foto mit den momentan am meisten Likes ist von den Niagara Fällen. Es sieht nett aus. Aber ich finde nicht gerade, dass es fotografisch oder inhaltlich besonders überzeugend ist.

Da frage ich mich: Warum wird es geliked? Viel schöner und spannender finde ich da immer noch meinen kanadischen Schwarzbären. Die Niagara Fälle hatten mich ehrlich gesagt sehr enttäuscht. Als ich dort war, fühlte ich mich wie im kanadischen Las Vegas. Auf der einen Seite Kasinos, Hotels, Restaurants und auf der anderen Seite, die weltberühmten Wasserfälle, die jedoch wie hingebaut aussahen. Und während ich dort stand , auf die Wasserfälle blickte und ein „Ich dachte da wäre mehr drin“-Mantra durch meinen Kopf ging, schmetterte auch noch eine misslungene Elvis-Imitation mehrere Klassiker im Hintergrund. Und das sollten die weltberühmten Wasserfälle sein? Ich machte ein obligatorisches Foto, setzte mich ins Auto und fuhr auf den Schock erst mal rüber nach New York City. bärkanada

Aber warum kommt gerade dieses Foto so gut an? Ich werfe einen Blick auf meinen Bären. Ich bin immer noch stolz darauf, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen bin. Ich war in Whistler bei den ehemaligen Olympiaanlagen. Ich sah die Skischanzen und probierte mich selbst beim Biathlon aus. Das Schießen, nicht das Laufen. Und dann ging es den Berg wieder runter und was sehe ich da am Straßenrand? Einen Bärenhintern. Der sich dann irgendwann auch umgedreht hat. An diesem Punkt der Reise hatte ich wirklich nicht mehr erwartet noch einen Bären zu sehen. Und dann auch noch so nah und ohne ein großes Publikum wie zuvor im Jasper Nationalpark. Toll!

Ein ebenfalls sehr schönes Bild, ist folgende Aufnahme von Cracker Barrel. Cracker Barrel ist eine amerikanische „Old Country Store“-Kette, wo man aber auch essen kann. Also eine Mischung aus Geschäft und Restaurant und das alles im Landstil gehalten. crackerIch hatte im Internet davon gelesen und erfahren, dass man dort gut frühstücken konnte. Als ich zum ersten Mal bei Crackers Barrel war, zögerte ich jedoch herein zu gehen: Zu sehr sah mir das ganze nach einem Möbelgeschäft von außen aus. Dieses Jahr stellte ich fest, dass die Schaukelstühle nicht nur äußerst bequem sind, sondern sich auch als Fotomotiv gut eignen. Besonders in schwarzweiß. Vorm Frühstück. Und das Frühstück im Anschluss war sehr, sehr gut.

Was ich nun mit diesen ganzen Fotos sagen will: Egal wie schön oder wie unschön sie sind, hinter jedem Foto steckt mehr oder weniger eine Geschichte. Jedes ist lediglich ein Ausschnitt der Realität, welche durch etwaige Bearbeitung möglicherweise noch verfälscht wird. Und jeder Betrachter sieht etwas anderes in den Fotos. Vielleicht sehen mehr Menschen die Schönheit in den Niagara Fällen als ich. Vielleicht liegt es einfach daran, dass ich mehr auf Natur und gutes Frühstück stehe als auf angestaubte und zugebaute Wasserfälle.


Wie wäre es hiermit?

Advertisements

30 Gedanken zu “Das fotografierende Auge

  1. Hi,
    mir geht es oft ebenso, die Backenhörnchenpic. am Grand Canyon sind mir z.B. tausendmallieber als die Cayonphotos selber. Wobei – unter uns – der G-Cayon schon mehr hermacht als die Niagaras (allerdings hab dort immer nach Marylin gesucht, war scheinbar ein paar Jahre zu spät ;-) ) . Und ohne Frühstück ist mir eh alles egal.
    lg

    • Der Grand Canyon macht auf jeden Fall viel mehr her als die Niagaras .. aber wer weiß wie es dort in zwanzig Jahren aussieht :D Ist ne große Schlucht, wo man reichlich drumrum verbauen kann, so dass sie am Ende gar nicht mehr so imposant ausschaut ;)
      Liebe Grüße

  2. ich wollte das auch grade sagen: nur du kennst die geschichte hinter den bildern, die betrachter nicht. die wasserfälle wirken einfach im ersten moment spektakulärer als ein „einfacher“ schwarzbär und in der zeit der social media und der kürzestmöglichen betrachtungszeiten ist es nicht mehr als ein flüchtiger augenblick, der jedem bild gewidmet wird – das heißt, es muss im ersten bruchteil der sekunde „funktionieren“.

  3. Ich musste spontan an meinen Schweiz-Urlaub im August diesen Jahres denken. Auf dem Rückweg sind wir über Schaffhausen gefahren und wollten uns unbedingt den Rheinfall anschauen. Also, das war schon imposant und schön anzusehen, aber ich habe in dem Moment gemerkt, wie sehr mir dieser Massentourismus auf die Ketten geht. Man konnte gar nichts genießen, weil es einfach so furchtbar voll war und man immer geschoben oder angerempelt wurde. Und diese Boote, die ständig unten herum fuhren! Die ganze Sache sieht auf Bilder super aus. Aber das Drumherum macht es irgendwie kaputt.

    Lieben Gruß
    Steffi

    • Genauso denke ich auch immer. Insbesondere wenn ich an Orten ein zweites Mal bin und ich die Veränderungen durch den Massentourismus sehe. Aber oft frage ich mich selbst dann auch: Was bin ich denn? Eigentlich bin ich ja auch nichts weiter als eine Touristin. Aber dann denke ich mir, dass ich als Touristin trotzdem versuche den Massentourismus zu umgehen, indem ich selbst beispielsweise auf eigene Faust losziehe anstatt mich einer organisierten Reisegruppe anzuschließen.

      Viele Grüße und einen guten Rutsch :)

  4. Also ich bin hin und weg von dem Bären! Liebe diese Tiere generell, aber dieses Bild haut mich von Hocker. Werd gleich mal deinen Instagram-Account stalken ;)
    Liebe Grüße,
    Stefanie

  5. Das ist wirklich ein toller Beitrag. Bevor ich mit dem fotografieren angefangen habe, wusste ich ehrlich gesagt nie was so toll an Fotos sein sollte. Ich fand es war immer nur eine Ablichtung von irgendetwas. Mittlerweile finde ich aber auch wie du, dass hinter jedem Bild eine Geschichte steckt. Klar ist das ganze nicht wie ein Video, an dem du einen ganzen Moment oder einen ganzen Tag sehen kannst, aber ich denke es ist gerade toll, dass Fotos nur eine Sekunde aufnehmen können. Denn dann kann jeder das Bild selber interpretieren und sich selber einen Eindruck davon machen. Finde deinen Beitrag sehr toll und aufschlussreich, und das Bärenbild finde ich besonders toll gelungen(ich meine wer schafft es schon spontan einen Bären zu fotografieren?). Mir persönlich gefiel das Niagara-Bild zuerst auch besser – einfach wegen dem Farbenspiel und auch weil das Wasser sehr gut zum Ausdruck kommt(die Art wie es da fächert). Aber eindrucksvoller ist meiner Meinung nach das Bärenbild(allein weil es eine ganz schöne Herausforderung ist einen Bären zu fotografieren und weil der Bär in einer echt tollen Pose abgelichtet ist). Sorry für den langen Kommentar, mir fiel grad so viel zu dem Thema ein :D

  6. Ich verstehe das mit Instagram total. Wundert mich auch manchmal, was dort als sensationell eingestuft wird. Das Niagarafoto mag ich trotzdem, es hat so etwas Fünfziger Jahremässiges. Außerdem verbinde ich eine persönliche Geschichte mit den Niagaras. Muss ich wohl mal bloggen :-) Über das Cracker Barrel Foto habe ich mich total gefreut! Ich liebe Cracker Barrel! Die Veranda zu fotografieren, ist großartig! Altes Amerika!

    • Ich freu mich immer, wenn ich auf Leute treffe, die ebenfalls meine Lieblingsrestaurants im Ausland kennen und mögen :-)
      Und je länger ich mir das Niagara-Foto anschaue, desto mehr erkenne ich auch den Fünfziger-Jahre-Touch ;-)

  7. Jeder sieht (in den Bildern), was er sehen will, was er sehen kann – und das ist immer nur er selbst. Meine Meinung über ein Bild sagt viel mehr über mich aus, als über das Bild. Gilt auch für Personen…

  8. Schon lustig, so einen Beitrag von dir zu lesen, nachdem mir vor kurzem das Selbe zu meinen eigenen Bildern durch den Kopf ging. ich hätte spontan wohl auch auf die Wasserfälle geklickt und nicht auf den Bären. Aber als Erlebnis macht der Bär dann wieder her. Kommt wohl auf die Betrachtungsweise an.

  9. Versuch einer Erklärung: Ich glaube, die Niagara-Fälle stehen für einen Traum von Ferne und Abenteuer, bei dem man keine Ahnung hat, was einen wirklich erwartet, bis man dort war. Auch auf Deinem Foto sieht man gar nicht, dass sie so zugebaut sind, wie Du beschreibst. ;)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s