Zwischen Fußball und Selbstfindung: Das Sabbatjahr beginnt in Brasilien

Während der WM in Brasilien sein, das möchte garantiert der ein oder andere erleben. Cristina verbringt einige Monate ihres Sabbatjahres in dem Land der Fußball WM 2014. Doch nicht die Fußballweltmeisterschaft hat die 39 Jährige in das Land von Samba und Capoeira gezogen: Cristina wurde in Brasilien geboren, zog aber mit fünf Jahren nach Deutschland. Fühlt sie sich nun als Brasilianierin? Oder als Deutsche? Cristina, die auch italienische Wurzeln hat, will es auf ihrer Reise herausfinden.  Über ihre Erlebnisse und Eindrücke berichtet sie regelmäßig auf ihrem Blog. Wie sie die WM vor Ort erlebt und was die Brasilianer über die Weltmeisterschaft denken, was sie sich noch von dem Sabbatjahr erhofft und wieso sie einen Filmworkshop in Los Angeles machen will, erfahrt ihr hier.

Kofferzuklein hat mal nachgefragt.

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Weshalb machst du ein Gap Jahr und wo führt dich deine Reise überall hin?

Ich mache ein Sabbatical, nachdem ich 9 Jahre festangestellt bei Prosieben als Werbe-Produzentin gearbeitet habe. Die letzten Jahre waren sehr intensiv. Sie waren super interessant, auch weil ich viel verreisen durfte. Zum Beispiel in meine liebste kalifornische Stadt Los Angeles, wo ich vor vielen Jahren während meines Studiums eines meiner ersten Praktika im TV-Business gemacht habe und mich damals schon in die Stadt verliebte. Aber weil ich mich sehr der Arbeit gewidmet und dabei mein Privatleben etwas vernachlässigt habe, waren die letzten Jahre auch sehr ermüdend. Deshalb brauche ich einen krassen Tapetenwechsel. Vor allem als ein gesundheitliches Problem in meiner Familie auftauchte, habe ich gemerkt, dass ich JETZT etwas an meinem Leben ändern muss. Jetzt habe ich noch die besten Voraussetzungen (Single, ohne Verpflichtungen), um eine Auszeit zu nehmen und nur mal an mich zu denken. Das ist die Zeit, die ich ganz nach meinem Geschmack gestalte und nutze, um ganz frei zu sein. Und so nebenbei kann ich ein bisschen was von der Welt sehen. 1-IMG_5426

Reist du alleine?

Ja, ich reise allein. Ich bin hin- und hergerissen, wie ich es lieber hätte. Allein oder lieber in Gesellschaft? Allein finde ich es persönlich manchmal etwas einsam und langweilig. Ich mag es, meine Eindrücke mit vertrauten Menschen zu teilen. In dieser Hinsicht ist diese Reise für mich ebenfalls sehr erkenntnisreich. Ich weiß jetzt schon, dass ich keine dieser leidenschaftlichen Alleinreisenden bin und niemals sein werde. Andererseits ist man in Gesellschaft nicht so flexibel mit den Entscheidungen zu den nächsten Reisezielen und vor allem auch nicht mit dem Timing. Da ich ein ganz persönliches Programm für dieses Jahr habe, ist es insofern gut, alleine unterwegs zu sein. 1-IMG_5687

Du bist in Brasilien geboren. Fühlst du dich eher als Brasilianerin oder Deutsche?
 

Diese Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten. Wenn mir gesagt wird, dass ich wegen meines Geburtsortes Brasilianerin bin (und nicht Deutsche), dann denke ich immer nur, dass es vielleicht auf dem Papier so ist. Aber als Brasilianerin fühlte ich mich nicht. Da ich nur meine ersten 5 Lebensjahre in Brasilien verbracht habe und sonst in Deutschland aufgewachsen bin, fühle ich mich wohl eher wie eine Deutsche. Ich bin dort zur Schule gegangen, habe dort studiert und mein Berufsleben dort angefangen.
Eine brasilianische Freundin meiner Mutter sagte aber immer, ich habe ein brasilianisch-italienisches Herz. Da meine Mutter Italienerin ist, bin ich auch Halbitalienerin. Das macht alles also noch etwas komplexer. In Italien fühle ich mich zum Beispiel eher Deutsch. In Deutschland hingegen bekomme ich oft in vielerlei Hinsicht zu spüren, dass ich auch Italienerin bin. (Besonders wenn es sich um Fußball handelt!). Das ist nicht rassistisch gemeint. Meine Erfahrungen sind nur auf kulturelle Charakteristika und deren Unterschiede, bezogen. In Bezug auf Brasilien hatte ich gehofft, etwas mehr von meiner Persönlichkeit zu begreifen. Bisher fallen mir aber nur typisch deutsche Eigenschaften an mir auf. Ich umarme und küsse die Menschen nicht so viel wie die Brasiliener… Ich bin etwas weniger kommunikativ als sie… weniger kontaktfreudig… weniger „gemütlich“… viel strenger… usw. Viele Klischees bestätigen sich hierbei ;-) 1-IMG_5435

Sprichst du portugiesisch?
 
Mittlerweile ja. Ich bin seit 7 Wochen hier. Bevor ich herkam, konnte ich die Sprache aber nicht und ich hatte keine Zeit für Portugiesisch-Unterricht. Nachdem ich mit 5 Jahren als Brasilianerin nach Deutschland kam, musste ich Deutsch lernen und hatte das Portugiesisch komplett vergessen. Insgeheim hatte ich gehofft, dass die Sprache automatisch wieder „aktiviert“ wird. Man sagt ja, dass man etwas nie wirklich vergisst, weil es irgendwo im Gehirn gespeichert ist. Aber das war wohl sehr naiv von mir gedacht! Mir fällt es sehr schwer, Portugiesisch zu lernen. Vor allem ohne Sprachkurs! Nach 7 Wochen komme ich endlich ganz gut zurecht. Vermutlich hilft mir das Italienisch, das ich regelmäßig mit meiner Mutter spreche. Außerdem hatte ich in der Schule Französisch-Leistungskurs, und ich habe mal Spanisch gelernt. Letztes Jahr konnte ich in Portugal schon ein bisschen mit meinen wenigen Brocken Portugiesisch die Sprache „üben“. Und jetzt kann ich mich sogar ganz passabel mit den Menschen hier unterhalten. Zur Zeit bringe ich sogar meinem neuen englischen Mitbewohner ein bisschen Portugiesisch bei (Das ist nicht sooo schwer… Er kann nämlich kein einziges portugiesisches Wort!). Und meine Vermieterin lässt mich vom Portugiesisch ins Englische übersetzen, wenn sie ihren anderen ausländischen Mietern etwas mitteilen muss.

Wie erlebst du die WM direkt vor Ort?

Was die Menschen hier in Brasilien von der WM halten, ist sehr zwiegespalten (zwiespältig?). Bevor die WM los ging, waren sie alle total dagegen. Die Gründe kennen wir. Das berechtigt ihre Haltung gegenüber die WM und die Politik absolut. Obwohl man immer wieder darüber gehört hatte, dass an der aufkommenden Stimmung gezweifelt oder die WM boykottiert wird, waren beim Eröffnungsspiel die Bars und Restaurants sehr voll, oder man hat Freunde nach Hause zu Churrasco und Caipirinha eingeladen. Es wird in der Tat doch sehr viel gefeiert! Der Verkehr lag diesmal wegen der Party und nicht wegen Demonstrationen lahm! Trotzdem: jedes Mal, wenn die Präsidentin Dilma im TV während des Spiels zu sehen war, sangen alle unisono Hass-Lieder gegen sie. Die Texte dazu sind sehr krass… 1-img_1142

Deutschland oder Brasilien – welcher Mannschaft drückst du die Daumen?
 
Schon wieder eine schwierige Frage!! ;-) Ich mag beide Mannschaften sehr. Brasilien würde ich den Sieg aber besonders gönnen. Im eigenen Land die WM zu gewinnen, ist gerade für die Fußball-begeisterten Brasilianer etwas besonderes. Obgleich auch hier wieder gemischte Gefühle herrschen. Nicht nur bei mir, besonders bei den Brasilianern. Manche wünschen sich sogar, dass Brasilien aus rein politischen Gründen nicht gewinnt, um eine Bestätigung für die Regierung und die Neuwahlen zu vermeiden. Ich drücke jedenfalls beiden die Daumen! Und den Italienern natürlich auch. Ich hoffe auf absoluten „fairplay“. Wer am Ende gewinnt, hat es eben am meisten verdient. 1-IMG_5709

Was hast du bisher auf deiner Reise erlebt?

Bisher habe ich die meiste Zeit damit verbracht, mit der Stadt vertraut zu werden. Ich bin ja nicht als Touristin hier. Die Stadt möchte ich so weit wie möglich als echte „Paulistana“ erleben. Da man sich hier schwer selbständig bewegen kann und man ständig davor gewarnt wird, die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen, habe ich die ersten Wochen die Stadt zu Fuß erkundet und für die Rückkehr manchmal ein Taxi genommen. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind hier nicht so gut organisiert wie in Europa oder anderen Ländern. Die Busse haben zum Beispiel gar keinen Fahrplan! Man wartet auf gut Glück! Und die U-Bahnen haben recht wenige Stationen, so dass man meist über 20 Minuten braucht, um überhaupt an eine U-Bahn-Station zu kommen, wenn man nicht gerade direkt an einer wohnt. Dabei war ich auf der Suche nach coolen, Touristen-untypischen Locations in Sao Paulo. Überwältigend war aber mein Besuch zur Jesus-Statue in Rio. Vor dieser riesengroßem Statue zu stehen, hat mich trotz der vielen Touristen vor Ort total beeindruckt. Wenn ich ehrlich bin, finde ich dafür aber nicht die richtigen Worte. So emotional war es dort. Und das obwohl ich nicht sehr religiös bin. Wunderschön fand ich auch die Natur, die sich mit der Stadt in Rio verknüpft. Dort habe ich zum ersten Mal gemerkt, wie einengend Sao Paulo mit seinen vielen Hochhäusern, auch „Stone Jungle“ genannt, sein kann.
Als nächstes Reiseziel habe ich Natal im Norden ausgewählt. Da hier in Brasilien Winter ist und es in S.P. kalt wird, wollte ich an einen warmen Ort. Ich bin sehr gespannt, was ich dort alles erleben werde. Von meinen Freunden habe ich schon einige Tipps bekommen. Davon werdet Ihr dann natürlich auf meinem Blog lesen.
Generell ist für mich die Kriminalität hier stets spürbar. Meine Freunde (darunter Brasilianer) und ich denken immer darüber nach, was wir wirklich brauchen, wenn wir das Haus verlassen, und was wir lieber nicht mitnehmen, um es nicht gestohlen zu bekommen.
Ansonsten habe ich vor allem sehr gute Erfahrungen mit den Brasilianern gemacht. Sie sind sehr zuvorkommend und unvorstellbar hilfsbereit. Dabei sind oft die besten Gespräche und wegen ihrer Kontaktfreudigkeit schnell Freundschaften entstanden.
Mit meiner Vermieterin habe ich einen absoluten Glückstreffer für mich getroffen. Sie ist Produzentin von Werbung, Film, Theater und Events. Also genau mein Bereich. Sie kennt Gott und die Welt hier in Sao Paulo und hat mich zu diversen tollen Veranstaltungen schon mitgenommen. Ich war auf Events, zu denen ich nicht einmal in Deutschland, trotz meines Berufs, gekommen wäre. Das hat mich sehr begeistert. 1-IMG_5500

Filme zu machen ist deine große Leidenschaft. Woher kommt das Interesse daran und was machst du für Filme?

Geschichten mit Bildästhetik und Musik zu erzählen, hat für mich etwas zauberhaftes. Ich könnte sehr weit ausholen, um meine Leidenschaft zu erklären. Aber ich denke, dass die entscheidende Zeit, in der meine Leidenschaft für diese Themen entstanden ist, die MTV- und meine Studienzeit war. MTV hat mich damals fasziniert, als ich Teenager war. Ganz nach dem Motto „Video killed the radio-star“. Die Verbindung von Musik und Video hat mein Herz erobert, ja sogar im positiven Sinne „schockiert“. Anders kann ich es nicht beschreiben. Die Zeit hatte mich dazu inspiriert, diesen Berufsweg zu gehen. Ich habe während meines Studiums immer Praktika im Produktionsbereich gemacht. Eigentlich wollte ich mehr als „nur“ Produktion machen. Gestalten, Redaktion, Journalismus, Regie. Mit Ausnahme von Assistenz-Arbeiten an Kurzfilmen und filmtheoretischer Arbeit in meiner Magister-Arbeit, hatte ich mir damals nur leider nicht mehr zugetraut. Jetzt, nachdem ich in meinem Beruf schon eng mit Regisseuren zusammen gearbeitet habe, habe ich gemerkt, dass mein Herz immer noch sehr an dieser Art von Kreativität hängt. Deshalb nutze ich mein Sabbatical auch für eine Weiterbildung an einer Filmschule in Los Angeles. Dort habe ich die letzten Jahre schon ein paar deutsche Werbeproduktionen geleitet, wodurch ich Leute in diesem Business vor Ort kennen gelernt habe. Ich erhoffe mir, herauszufinden, ob ich tatsächlich das Talent habe, Regisseurin oder creative director zu werden, und dass ich durch die Kontakte vielleicht an ein paar Regie-Projekte komme. In den USA ist es aber wegen des Visums, schwer zu jobben… Also will ich hier zu diesem Zeitpunkt nicht zu viel versprechen.

Wann endet dein Abenteuer?

Meine Auszeit ist nächstes Jahr, also im Mai 2015 vorbei. Dann kehre ich zurück nach München und zu Prosieben. 1-IMG_5397

Wie alt bist du und was hast du vor deinem Gap Jahr gemacht bzw. was wird danach kommen?

 Ich bin 39 Jahre alt. Bevor ich mein Sabbatical angetreten habe, habe ich als „Senior Account Manager“ bei einer Tochterfirma von ProSieben gearbeitet. Mit dem Team war ich für die Produktionen unserer Werbekunden zum Beispiel bei „Germany’s next Topmodel“ oder „The Voice of Germany“ zuständig. Meine Arbeit beinhaltete sowohl die Umsetzung als auch die Konzeption, abhängig davon, wie sehr die Kreativagenturen der Kunden involviert waren. Was danach kommen wird, lasse ich einfach auf mich zukommen. Idealerweise finde ich gute Gründe, um meinen bisherigen Job mit Regie- oder CD-Tätigkeiten zu bereichern.  Und natürlich habe ich mir jetzt schon vorgenommen, wieder mehr zu verreisen. Ideen für meine Reiseziele in 2015 habe ich schon. Dann kann ich hoffentlich auch mit Freunden oder Familie verreisen… :-)

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Ich wünsche Cristina alles Gute auf ihrer Reise und hoffe, dass all ihre Wünsche, Erwartungen und Hoffnungen sich erfüllen. Viel Spaß!

Die neusten Informationen über Cristinas Reise findet ihr auf:

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4 Gedanken zu “Zwischen Fußball und Selbstfindung: Das Sabbatjahr beginnt in Brasilien

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