So tun als ob? Machen nur die Mennyms.

Hab ich euch schon mal von den Mennyms erzählt? Nicht? Okay, dann passt mal auf. Mein Studiengang musste sich die Geschichte von den Mennyms auch schon mal anhören. Auch wenn es gleich klingen mag, als ob ich euch eine Kindergeschichte erzählen würde, komme ich im Anschluss auf ein … journalistisches Thema. Versprochen.

Die Mennyms sind Lumpenpuppen: Menschengroß und zu zehnt an der Zahl. Ach ja, sie sind lebendig. Sie können sprechen, sehen, hören und fühlen. Und das schon seit mehr als 40 Jahren. Von anderen Menschen unbemerkt leben sie in einem großen Haus in einer britischen Kleinstadt. Pünktlich zu Monatsbeginn werden Rechnungen und Miete bezahlt. Wie das geht? Familienvater Joshua Mennym hat einen Job als Nachtwächter, denn erst nachts traut er sich hinaus auf die Straße, da ihn die Dunkelheit davor schützt als Lumpenpuppe erkannt zu werden. Grandma Mennym strickt Pullover, die sie dann zu Harrods schickt und Grandpa Mennym schreibt intelligente Zeitungsartikel, die er dann ebenfalls verschickt. So kommt Geld ins Haus. Für die Gänge zur Post ist meist Appleby zuständig. Appleby ist eine typische Teenagerin, die es schafft sich durch ihre kreative Art zu verkleiden und ihr großes Mundwerk  unbemerkt durch die Menschenmassen auch tagsüber  bewegen zu können. In den fünf Büchern steht das Geheimnis der Mennyms oft kurz davor geöffnet zu werden. Gerade Appleby wünscht sich nichts sehnlicher als sich frei bewegen zu können und all das zu machen, was ein normales, menschliches Mädchen in ihrem Alter tun würde. Und jetzt mal ganz ehrlich: Die Mennyms ist für mich immer noch nicht ein Kinderbuch. Denn teilweise hat die Geschichte schon arg grausame Züge, gerade wenn es um den Charakter der 14-Jährigen Appleby geht. Man stelle es sich mal vor: Man ist 14 Jahre, nicht mehr wirklich Kind, aber auch nicht erwachsen. Man lebt mit der Gewissheit niemals erwachsen werden zu können; niemals schwimmen gehen zu können; niemals in einer Disko ausgelassen tanzen zu können; niemals heiraten zu können. 40 Jahre um keinen Tag zu altern, kann nicht nur ein Segen sein; sondern auch ein Fluch. Und das Buch ein Kinderbuch? Ich finde nicht. Und bleibe dabei.

Für alles, was die Mennyms nicht können, machen sie ein „So tun als ob“-Spiel daraus. Man tut so als ob man zu Weihnachten einen Truthahn essen würde, obwohl die Mennyms natürlichs nichts essen können. Man tut so, als ob man sich an einer heißen Tasse Kakao wärmen würde, obwohl die Mennyms natürlich nicht frieren können. Man tut so als ob man Applebys Geburtstag feiern würde, obwohl sie natürlich nicht altern kann.

So tun als ob – wer hat es noch nicht getan. Dazu muss man noch nicht einmal eine Lumpenpuppe sein. Ein kleiner Break: In meiner Bachelorarbeit geht es um Fernsehreportagen, also einem Fernsehformat, wo Authentizität und das Widerspiegeln der Realität im Vordergrund stehen sollte. Dazu muss ich unter anderem Experteninterviews mit Fernsehredakteuren interviewen. Bisher haben sich alle, mit denen ich gesprochen habe, es sich als Ziel gesetzt, so realitätsnah wie möglich eine Reportage zu produzieren. „Bei uns wird nicht inszeniert“, sagt jeder. Doch wo beginnt das inszenieren? Indem ich sage „Mach mal dies, mach mal das“ oder indem ich schon eine Frage auf eine bestimmte Art und Weise stelle? Und sowieso, wie sehr beeinflusst die Kamera das ganze? Aber vielleicht sollte man, dieses ganze Authentizitäts-Gefasel nicht zu ernst nehmen. Vielleicht sollte jeder Redakteur und jeder Reporter für sich selbst definieren, was eine gute Reportage ist und sich daran orientieren. Fakt ist: „So tun als ob – gibt es bei uns nicht.“ Nein, So tun als ob gibt es nur bei den Mennyms.

Ich seh schon. Meine Bachelorarbeit wird die Welt bewegen.

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